Migrationshintergrund - Definition und Problematik

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Der Zugang zu den zugewanderten Menschen muss nachhaltig gesucht und gefunden werden, die begleitende Elternarbeit kann nur ganzheitlich, kulturell kompetent und integrativ angelegt sein.

Inhaltsverzeichnis

Heterogenität in der Elternarbeit

Mit der Elternarbeit soll nicht einfach irgendwer erreicht werden. Die Botschaften sollen bei genau den Menschen ankommen, die sich für das interessieren, was die Elternarbeit im Rahmen des Jugendmigrationsdienstes anzubieten hat. Doch: Wo befindet sich die Zielgruppe? Wie sucht und findet die Zielgruppe die Elternarbeit? Was braucht die Zielgruppe? Welche Informationsmaterialien benötigt die Zielgruppe? Wer sind die beteiligten Eltern? Welche Sprachpraxis findet sich in den Familien? Welche Rolle haben Mutter und Vater? Ist ein individueller Zuschnitt auf unterschiedliche Migrantengruppen notwendig? Fragen über Fragen ergeben sich, wenn es darum geht, den Zugang zur Zielgruppe zu gestalten und zielgruppengerechte Angebote zu unterbreiten. Es bedarf daher unterschiedlicher Methoden der Ansprache und der Informationsvermittlung.

Die Rolle des Migrationshintergrundes

Nach der Definition des Statistischen Bundesamts haben Menschen einen Migrationshintergrund, wenn sie entweder selbst außerhalb Deutschlands geboren wurden oder wenn mindestens ein Elternteil nach Deutschland zugewandert ist. Ob die Person oder ihre Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, spielt eine untergeordnete Rolle.

Mit dieser Definition konnte unter anderem der Integrationsbedarf für „Deutsche ausländischer Herkunft“ und für Spätaussiedler begründet werden. Aus Sicht der sozialen Arbeit sind sowohl der Begriff als auch seine Konsequenzen allerdings nicht ganz unproblematisch:

  • Die Klassifizierung eines Menschen als Migrantin oder Migrant über den Migrationshintergrund kann stigmatisierend wirken. So stellte sich die statistische Erfassung der kulturellen Hintergründe der Teilnehmenden an dem Modellprojekt in vielen Fällen als problematisch heraus, beispielsweise wenn Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler sich selbst als Deutsche sehen wollten, wenn ihnen dies aber über die Definition des Migrationshintergrundes verweigert wurde.
  • Der Migrationshintergrund einer Person alleine begründet noch keinen Förderbedarf. Dieser entsteht nicht aus vermeintlich objektiver, „ethnisch-kultureller“ Zugehörigkeit bzw. Herkunft, sondern in erster Linie aus sozialen Benachteiligungen wie Einkommens- oder Bildungsarmut. In manchen Fällen entsteht eine Benachteiligung auch aus dem erschwerten Zugang zur deutschen Sprache – dies gilt aber nicht pauschal für alle „Menschen mit Migrationshintergrund“. Eine solche unzulässige Verallgemeinerung wird durch den Begriff des Migrationshintergrundes aber zumindest nahegelegt.

Um eine Vergrößerung sozialer Distanzen zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu vermeiden und gleichberechtigte Teilhabe möglich zu machen, sollte der Migrationshintergrund in der sozialen Arbeit eine nachgeordnete Rolle spielen – und er sollte in keinem Fall zu einer vorschnellen Einteilung der Teilnehmenden in „ethnische Gruppen“ führen.

Integrationsarbeit sollte vielmehr im Zeichen der „Inklusion“ stehen. Im konkreten Fall der Elternarbeit bedeutet dies, dass die teilnehmenden Eltern zunächst als eine Gruppe aufgefasst werden, innerhalb der individuelle Förderbedarfe und individuelle Kompetenzen festgestellt werden können. Kulturelle Unterschiede, unter anderem bedingt durch den Migrationshintergrund, sind zweifellos vorhanden, sie sollten aber nicht in den Vordergrund der Arbeit gestellt werden.

Erfahrungen im Modellprojekt

… in Tübingen: Der Projektstandort Mössingen-Bästenhardt war gemeindenah verortet und durch die zentrale Lage des „Haus Regenbogen“ für die Zielgruppe hervorragend erreichbar. Kurze Wege ermöglichten Eltern, schnell und direkt Kontakt zu den Projektmitarbeitenden aufzunehmen. Grund- und Hauptschule, die Kindergärten und die beiden Gemeindehäuser befanden sich in direkter Nähe. Der vertraute, nachbarschaftliche Charakter des Projektes unterstützte den Zugang zur Zielgruppe und die Gemeindenähe bewirkte, dass alle handelnden Personen und Organe des örtlichen Netzwerkes gut erreichbar waren und dadurch die Zusammenarbeit erleichtert wurde.

… in Saarbrücken: Die Projektmitarbeiterin erhielt über die internen Fachdienste und Projektschulen die Kontaktdaten der Familien. Sie nahm telefonisch Kontakt auf und führte Hausbesuche durch. Die Familien, die die Elternarbeit in Anspruch genommen haben, waren vor allem aus folgenden Ländern: Pakistan, Marokko, Libanon, Bosnien, Syrien, Iran, Irak und Türkei. Die Projektmitarbeiterin machte die Erfahrung, dass die Menschen aus diesen Ländern eher für „Geh-Strukturen“ geeignet sind. Sie werden eher erreicht, wenn sie in ihrer vertrauten Umgebung und persönlich informiert werden. Die Familien entwickeln Vertrauen und nehmen selbstständig die fremde Unterstützung in Anspruch. Es wurde auch festgestellt, dass die Familien, die durch Hausbesuche und Telefonate von der Elternarbeit überzeugt wurden, weitere Familien dafür motivierten.

… in Frankfurt am Main: Key-Personen und Dolmetscherinnen, die selbst einen Migrationshintergrund hatten, konnten gut ihre eigenen Erfahrungen mit dem Leben in einer neuen, fremden Kultur und das Verarbeiten ihrer Eindrücke an andere weitergeben. Sie fungierten als Brückenbauer und gaben den Projektmitarbeitenden in vielfältiger Form Anregungen. Besonders waren Migrantinnen, die über pädagogische Arbeitserfahrungen verfügten, hilfreich. Sie erleichterten den Zugang zu den verschiedenen Nationalitäten und hielten den Kontakt zu den Eltern aufrecht.

Siehe auch


Wie erreiche ich Eltern mit Migrationshintergrund?

Exkurs:Kooperation mit Schulen bzgl. Eltern mit Migrationshintergrund

Persönliche Werkzeuge