Wer hat Einfluss auf die Berufswahl der Jugendlichen?

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Woher beziehen die Jugendlichen die für sie wichtigen Informationen bezüglich ihrer Berufswahl? Wie lernen sie Berufswelten kennen? Wer berät sie hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes? Welche Personen prägen die Einstellungen der Jugendlichen hinsichtlich ihrer Lebensplanung? Erreichen die vielfältigen Angebote der Bundesagentur für Arbeit die Jugendlichen? Welchen Einfluss haben die modernen Medien auf die Berufswahl und die Lebensplanung der Jugendlichen? Die in den Jahren 2004 und 2006 in Hamburg durchgeführten Studien „Berufswahl in Hamburg“ untersuchen die Fragestellung, welchen Wert die Jugendlichen einzelnen Angeboten und Personen beimessen, die sie im Prozess der Berufsorientierung erreichen und umgeben. Die Untersuchungsfrage lautete, inwieweit

„das Angebot geholfen hat, der Entscheidung für eine Ausbildung bzw. ein Studium näher zu kommen.“ (Freie und Hansestadt Hamburg (Behörde für Bildung und Sport) et 2004: 5)

Befragt wurden Jugendliche der Jahrgangsklassen 9 verschiedener allgemeinbildender Schulen in Hamburg. Die Akzeptanz

  • des berufskundlichen Unterrichts,
  • der Beratungen mit den BeraterInnen der Bundesagentur für Arbeit und
  • der Besuche weiterer Angebote (Berufebörsen, Messen)

wurden ebenso untersucht wie der Einfluss der

  • der Eltern,
  • von Freunden und
  • Bekannten.

Die Bedeutung verschiedener Medien (Bücher, Zeitschriften, Internet, Zeitschriften und Fernsehen) und Einfluss der Berufspraktika wurden ebenfalls in die Untersuchung mit einbezogen. Das Fazit der beiden Studien ist eindeutig: „Jugendliche verlassen sich bei ihrer Berufswahl vor allem auf den Rat ihrer Eltern“. (Freie und Hansestadt Hamburg; Behörde für Schule und Sport et al 2004) Diese tragen „in den Augen der Jugendlichen auch am stärksten zur Entscheidungsfindung“ (Freie Hansestadt Hamburg; Behörde für Schule und Sport et al 2004) bezüglich der Ausbildungsberufe bei. Der Befund, nach dem die Mütter und Väter die wichtigsten BeraterInnen bei der Berufswahl der Jugendlichen sind, ist nicht neu, sondern hat eine lange Tradition. Schon Lange kam bei seiner im Jahr 1978 veröffentlichten Studie (Lange 1978) zu dem Ergebnis, dass die Beratung der Jugendlichen durch das Elternhaus den größten Einfluss hat. Auch in dieser Untersuchung wurde deutlich, dass andere Personenkreise (LehrerInnen, BeraterInnen der Bundesagentur für Arbeit) nicht annähernd den Stellenwert für die Mädchen und Jungen haben, von dem man bisher ausgegangen war. Die Bedeutung der Eltern soll dabei bei HauptschülerInnen größer sein als bei Jugendlichen, die die Realschule oder das Gymnasium besuchen. (Lange 1978) Anzunehmen ist, dass die Eltern von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ebenfalls sehr direkt und massiv die Berufswahlentscheidung ihrer Kinder beeinflussen.

Alle Untersuchung machen zugleich deutlich, dass sich die Eltern ihrer Bedeutung hinsichtlich der Berufswahl ihrer Kinder häufig nicht bewusst sind. Darüber hinaus verfügen die Mütter und Väter (ebenso wie in Einzelfällern auch die Lehrkräfte) über zu geringe detaillierte Kenntnisse bezüglich der aktuellen Entwicklungen des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes.

Dieses fehlende Wissen auf Seiten der Mütter und Väter ist durchaus verständlich. Wie sollen Eltern über fachliche Kompetenzen bezüglich des Ausbildungsmarktes verfügen, mit dem sie schon seit vielen Jahren nicht mehr in direktem Kontakt gestanden haben? Wie können Eltern fachlich ihre Mädchen und Jungen über Zukunftschancen bestimmter Berufsfelder informieren, wenn dies selbst Fachleuten manchmal schwer fällt?

Hinzu kommt, dass die Mütter und Väter ihren Kindern gegenüber oftmals unbewusste Botschaften übermitteln. Entwicklungen, die sie an ihren Kindern wahrnehmen, Einschätzungen hinsichtlich vermeintlicher Leistungsstärken ihrer Kinder bestimmen diese Botschaften in ähnlicher Weise wie die durch die Eltern erlebten eigenen Berufs- und Lebenserfahrungen.

„Es kann angenommen werden, dass diese Botschaften von den Eltern nicht bewusst, sondern in der Überzeugung weitergegeben werden. sie behandeln Töchter und Söhne gleich“,

vermuteten schon 1998 Faulstich-Wieland und Nyssen. Und auch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie kam ebenfalls 1998 bei der Beantwortung der Frage, welchen Einfluss die Eltern auf die Berufswahl der Mädchen nehmen (die Situation von Jungen wurde vor 10 Jahren noch selten diskutiert oder erforscht) zu dem folgenden Ergebnis: Die Empfehlungen werden

„nicht so sehr von rationalen Kriterien wie Eignung, Leistung oder Chancen bestimmt, sondern davon, was für Mädchen als passend angenommen wird.“ (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie 1998)

Frühe Kindheitserfahrungen und Alltagserfahrungen in den Elternhäusern und Familien prägen die Einstellungen und Wünsche der Kinder und Jugendlichen hinsichtlich ihrer zukünftigen Lebensplanungen. Einstelllungen zum Beruf und zur privaten Lebensführung werden grundlegend in den Elternhäusern geformt. Kinder schauen sich einen großen Teil ihrer Lebensentwürfe in der Welt der Erwachsenen ab. Als prägend für die Entwicklung der Geschlechtsrollen gelten vor allem

„die Vorstellungen der Eltern über die Rollen von Mann und Frau und Mann in Familie und Beruf und die im elterlichen Haushalt erlebte Arbeitsteilung.“ (Dolle Deerns e.V. 1999: 13)

Die Lebensentwürfe der Jugendlichen, die in der Regel im Alter von 15 Jahren weitgehend sich entwickelt haben, werden dabei in erster Linie nicht durch verbale Empfehlungen seitens der Erwachsenen beeinflusst. Ob die Mädchen und Jungen eher einen traditionellen oder modernisierten (egalitäre) Lebensentwurf für sich präferieren, ob sich Mädchen und Jungen schon frühzeitig auch mit Fragen aus dem Bereich der Vereinbarkeit von Familie beschäftigen, ist in erster Linie von der im Elternhaus erlebten Arbeitsteilung abhängig. Das von den Erwachsenen vorgelebte Modell (traditionelle oder egalitäre Aufgabenverteilung) hat großen Einfluss auf die Vorstellungen der Mädchen und Jugendlichen bezüglich ihrer eigenen Vorstellungen zur Übernahme von Verantwortung und Aufgaben in der zukünftigen Partnerschaft. Kinder und Jugendliche aus eher traditionell orientierten Haushalten werden eher die Einstellung entwickeln, dass es die Frauen sein werden, die den größten Teil der Haus- und Familienarbeit übernehmen werden. Dies wird in besonderem Maße für Lebensentwürfe mit Kindern gelten,.

Literatur

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (Hrsg.): Berufsbildungsbericht 1998. Magdeburg 1998

Dolle Deerns e.V.: Sicher sind wir Eltern wichtig – irgendwie. Servicemappe: Elternarbeit zum Berufswahlprozess (nicht nur) von Mädchen. Hamburg 1999

Faulstich-Wieland, H./ Nyssen, E.: Geschlechterverhältnisse im Bildungssystem – eine Zwischenbilanz. In: Rolff, H.-G. (Hrsg.): Jahrbuch für Schulentwicklung (Bd. 10). Dortmund 1998

Freie und Hansestadt Hamburg (Behörde für Bildung und Sport) et al (Hrsg.): Berufswahl in Hamburg 2004. eine Umfrage unter Hamburger Schülerinnen und Schülern. Hamburg 2004

Lange, E.: Berufswahl. München 1978